Reifen wechseln: So geht es Schritt für Schritt
Inhalt
Kurzüberblick: Reifenwechsel in 8 Schritten
- Vorbereitung: Werkzeug, Wagenheber, Drehmomentschlüssel und Ersatzreifen bereitlegen.
- Auto sichern: Auf ebenem Untergrund parken, Handbremse, ersten Gang oder P-Stellung einlegen, Räder gegenseitig blockieren.
- Radschrauben lockern: Mit Radkreuz oder Schlagschrauber im Stand, bevor das Auto hochgehoben wird.
- Wagenheber ansetzen: Nur an den vorgesehenen Aufnahmepunkten, niemals am Schweller oder am Auspuff.
- Räder abnehmen und neu aufsetzen: Auf Position achten (Laufrichtung, Achsenseite).
- Schrauben über Kreuz handfest anziehen: Erst dann das Auto absenken.
- Mit Drehmomentschlüssel festziehen: Herstellerangabe einhalten, meist 110 bis 140 Nm.
- Nach 50 km nachziehen: Sicherheitsroutine, falls sich Schrauben gesetzt haben.
Der Reifenwechsel zählt zu den Standardaufgaben jedes Autofahrers, wird aber von vielen unterschätzt. Lockere Schrauben, falsch positionierte Wagenheber oder verwechselte Laufrichtungen können Sachschäden bis hin zu Unfällen verursachen. Mit dem richtigen Werkzeug und einem klaren Ablauf ist der Wechsel in 30 bis 45 Minuten erledigt und du sparst dir den Werkstatttermin samt Kosten. Wir gehen alle Schritte durch und sagen dir, worauf du wirklich achten musst, von der Vorbereitung über den Wechsel selbst bis zur richtigen Lagerung der Reifen über die Saison.
Wann der Reifenwechsel ansteht
In Deutschland gilt die Faustregel "von O bis O", also von Ostern bis Oktober für Sommerreifen. Wer es genauer haben will, orientiert sich an der Außentemperatur. Liegen sie dauerhaft unter 7 °C, werden Sommerreifen hart und verlieren Grip. Es gibt keine gesetzliche Termin-Pflicht, aber bei winterlichen Verhältnissen ohne Winterreifen drohen Bußgeld und Versicherungsprobleme. Auch der Profilstand muss stimmen:
- gesetzlich mindestens 1,6 mm
- sicherheitstechnisch eher 4 mm bei Winterreifen
- sicherheitstechnisch eher 3 mm bei Sommerreifen
Wer Ganzjahresreifen fährt, spart sich den Wechsel, muss aber bei den meisten Modellen Kompromisse bei der Performance hinnehmen.
Werkzeug und Vorbereitung
Eine Werkstatt hat alles griffbereit, du musst es dir erst zusammensuchen. Folgende Dinge brauchst du:
- Wagenheber: Nicht der mitgelieferte Notfall-Heber, sondern ein hydraulischer Rangierheber. Sicherer und schneller.
- Unterstellbock: Doppelte Sicherung, falls der Wagenheber versagt. Pflicht, kein nice-to-have.
- Radkreuz oder Schlagschrauber: Schlagschrauber spart Zeit und Kraft, ist aber nicht zwingend.
- Drehmomentschlüssel: Unverzichtbar. Schrauben "nach Gefühl" festziehen führt entweder zu lockeren Rädern oder zu beschädigten Gewinden.
- Drahtbürste oder Reinigungstuch: Zum Reinigen der Felgenanlageflächen vor dem Aufsetzen.
- Reifen mit ausreichend Profil und richtigem Druck: Vor dem Wechsel prüfen, nicht erst danach.
- Kreide oder Reifenmarker: Zum Notieren von Position und Laufrichtung.
- Werkstatthandschuhe und Knieschoner: Macht das Arbeiten deutlich angenehmer und schützt Hände und Knie.
Schritt 1: Auto sichern
Stelle das Auto auf einer ebenen, festen Fläche ab. Schräges Pflaster oder weicher Untergrund sind ein No-Go. Ziehe die Handbremse an, schalte beim Schaltgetriebe in den ersten Gang und beim Automatikgetriebe auf P. Bei zwei der drei nicht angehobenen Räder legst du Unterlegkeile davor und dahinter, damit das Auto nicht wegrollen kann. Bei Fahrzeugen mit elektrischer Parkbremse aktivierst du sie zusätzlich, am besten über das Bedienmenü statt nur den Hebel.
Schritt 2: Radschrauben lockern
Bevor du das Auto anhebst, lockerst du die Radschrauben um etwa eine Vierteldrehung. Im Stand hast du den Reibungswiderstand des Bodens auf deiner Seite. Schraube nur lockern, nicht ganz herausdrehen. Bei alten oder festgerosteten Schrauben hilft Rostlöser, lass ihn ein paar Minuten einwirken. Falls du Felgenschlossschrauben hast, leg dir den passenden Adapter an einen festen Platz, sonst suchst du ihn im wichtigsten Moment.
Schritt 3: Wagenheber ansetzen
Setze den Wagenheber nur an den vorgesehenen Aufnahmepunkten an. Diese sind in der Bedienungsanleitung markiert, meist als kleine Pfeile oder Aussparungen am Schweller-Unterboden. Niemals am Auspuff, an Lenkungsteilen oder am freien Schweller heben, das verbiegt Bleche und kann teuer werden. Hebe nur so weit an, dass das Rad gerade frei dreht. Setze den Unterstellbock direkt daneben.
Vorsicht: Niemals unter ein Auto greifen, das nur auf einem Wagenheber steht. Der Unterstellbock ist Pflicht und nicht nur Zierde. Schwere Verletzungen waren in der Vergangenheit fast immer auf fehlende Sicherung zurückzuführen.
Schritt 4: Räder abnehmen
Drehe die schon gelockerten Schrauben jetzt vollständig heraus und lege sie an einen sauberen Platz. Nimm das Rad gerade ab, damit du das Gewinde des Radbolzens nicht verkratzt. Markiere mit Kreide vor dem Einlagern, von welcher Position das Rad kam (VL, VR, HL, HR), damit du es nächste Saison kontrolliert wieder rotieren kannst. Felgen mit Sensoren für die Reifendruckkontrolle (RDKS) brauchen besonders vorsichtige Behandlung. Bei einem schiefen Aufsetzen kann der Sensor brechen, und ein neuer kostet schnell 80 bis 150 Euro pro Stück.
Schritt 5: Auflage und Felge prüfen
Bevor das neue Rad montiert wird, säuberst du die Anlagefläche an der Bremsscheibe und am Felgentopf. Rost oder Schmutz an dieser Stelle führen zu unsauberer Auflage und können später Vibrationen verursachen.
- Eine Drahtbürste reicht für leichten Belag.
- Bei stärkerem Rost greifst du zu einem Flugrostentferner oder zu Schleifvlies.
Prüfe jetzt auch die Bremsscheibe und die Bremsbeläge auf Verschleiß. Diese Inspektion zweimal im Jahr ist ein nützlicher Nebeneffekt des Reifenwechsels.
Schritt 6: Neues Rad aufsetzen
Achte auf die Laufrichtung, falls die Reifen entsprechend gekennzeichnet sind. Bei seitenungebundenen Reifen darf das Rad theoretisch auf jede Seite, in der Praxis empfiehlt sich aber eine geplante Rotation, damit sich der Verschleiß gleichmäßig verteilt. Setze das Rad auf, drücke es leicht an und drehe alle Schrauben handfest ein. Erst handfest anziehen, dann über Kreuz mit dem Radkreuz fest, aber nicht endgültig.
Schritt 7: Auto absenken
Nimm den Unterstellbock weg und senke das Auto langsam mit dem Wagenheber ab, bis das Rad wieder Bodenkontakt hat. Erst jetzt ziehst du die Schrauben final fest. Zuerst über Kreuz mit dem Radkreuz, danach mit dem Drehmomentschlüssel auf das vom Hersteller vorgegebene Drehmoment. Bei den meisten Pkw liegt es zwischen 110 und 140 Nm, der genaue Wert steht in der Bedienungsanleitung.
Schritt 8: Nach 50 km nachziehen
Setze dich nach dem Wechsel auf eine kurze Probefahrt, idealerweise 50 bis 100 km. Danach prüfst du die Schrauben nochmal mit dem Drehmomentschlüssel. In den ersten Kilometern können sich die Komponenten setzen und der Drehmomentwert leicht abfallen. Diese Routine kostet zwei Minuten, kann aber im Ernstfall Leben retten.
RDKS und Reifendruck nach dem Wechsel
Moderne Autos haben ein Reifendruckkontrollsystem (RDKS). Nach jedem Wechsel musst du es zurücksetzen, sonst meldet das Auto dauerhaft eine Warnung.
- Bei direktem RDKS (eigene Sensoren in den Felgen) übernimmt das das System meist selbst nach einigen Kilometern, du solltest aber dennoch im Bedienmenü bestätigen.
- Bei indirektem RDKS reicht eine Initialisierung über das Menü. Den Reifendruck prüfst du an einer Tankstelle und stellst ihn auf den Wert ein, der auf dem Türholm-Aufkleber oder im Tankdeckel steht.
Reifenpflege beim Wechsel
Der Reifenwechsel ist für dich eine gute Gelegenheit, beide Sätze gründlich zu kontrollieren. Prüfe
- Profilstand
- Beulen
- Risse in der Flanke
- DOT-Datum
Reifen sollten nach maximal 6 bis 8 Jahren ausgetauscht werden, auch wenn das Profil noch passt. Felgen reinigst du jetzt gründlich mit Felgenreiniger und Felgenbürste, bevor du sie einlagerst. Eine kurze Felgenversiegelung danach hält die Optik die ganze Saison über.
Reifen richtig einlagern
Auch zum Lagern haben wir einige Tipps für dich:
- Position markieren: VL, VR, HL, HR mit Kreide, damit du nächstes Jahr rotieren kannst.
- Trocken und kühl: Keller oder Garage, niemals in der prallen Sonne oder neben Heizungen.
- Auf Felgen: Reifen mit Felgen liegend stapeln oder hängen, ohne Felgen senkrecht stehend lagern.
- Reifendruck leicht erhöht: 0,5 bar mehr als normal, das beugt Standplatten vor.
- Vor Sonnenlicht schützen: UV-Strahlung lässt Gummi schneller altern. Eine Reifentasche oder eine alte Decke reicht aus.
- Frei von Lösungsmitteln: In der Garage Lacke, Benzin und Öl getrennt lagern. Diese Stoffe greifen die Reifenflanke an.
Auswuchten und Achsvermessung
Wenn das Lenkrad nach dem Wechsel vibriert oder das Auto bei Tempo 100 unruhig läuft, sind die Reifen wahrscheinlich nicht mehr richtig ausgewuchtet. Eine Auswuchtung beim Reifenhändler kostet meist zwischen 10 und 20 Euro pro Rad und sollte alle 30.000 bis 50.000 km erfolgen. Eine echte Achsvermessung ist nötig, wenn das Auto trotz korrekt montierter Räder zu einer Seite zieht oder die Reifen einseitig abgefahren sind. Diese Investition ist nicht sehr teuer, verlängert aber die Lebensdauer der Reifen deutlich.
Häufige Fragen zum Reifenwechsel
Mit dem richtigen Werkzeug und etwas Erfahrung schaffst du es in 30 bis 45 Minuten und sparst 30 bis 80 Euro. Bei sehr schweren Rädern (Allrad, große Felgen) oder wenn du dir unsicher bist, ist die Werkstatt sicherer. Reifenpannen-Sets oder Notrad ersetzen den richtigen Wechsel nicht.
Pro Achse müssen die Reifen identisch sein (Marke, Modell, Profil, Geschwindigkeitsindex). Eine Mischbereifung achsweise ist möglich, aber suboptimal. Bei Allradautos solltest du immer alle vier identisch fahren, sonst stresst du das Differenzial.
Bei festsitzenden Schrauben hilft Rostlöser plus Geduld, danach mit Verlängerungsrohr arbeiten. Bei rundgedrehten Schrauben gibt es Spezial-Nüsse mit aggressivem Profil. Wenn nichts mehr geht, hilft nur die Werkstatt.
Rein technisch geht das, ist aber bei Schnee, Eis oder Temperaturen unter 7 °C gefährlich. Außerdem gilt in Deutschland eine situative Winterreifenpflicht. Wer ohne passende Bereifung in einen Schadensfall gerät, riskiert Probleme mit der Versicherung.